Eine überraschende Widmung, ein Brunnen und zwei handvoll Gothic Novels

Außerdem geht es um Essays und ihr könnt diesen Newsletter ab jetzt finanziell unterstützen.

Ihr Lieben,

dies ist nun schon die sechste Ausgabe meines Newsletter und ich bin überwältigt davon, wie zahlreich er gelesen wird und was für großartiges Feedback ich von euch bekomme. Es macht wir nachwievor sehr großen Spaß, ihn zu schreiben, es ist aber zugegebenermaßen auch ziemlich viel Arbeit. Wer mich dabei ein wenig finanziell unterstützen möchte, kann das ab sofort mit einem kleinen solidarischen Bezahlabo tun:

Das bedeutet aber natürlich nicht, dass ich nun eine Paywall einrichte. Ggf. wird es in Zukunft ab und zu (und sehr unregelmäßig) mal den ein oder anderen Sonderbeitrag extra für zahlende Abonnent*innen geben, die regelmäßigen mittwochlichen Ausgaben (und das gesamte Archiv) bleiben aber ganz normal für alle Abonnent*innen, ob zahlend oder nicht, verfügbar.

So, und jetzt geht’s los…


Einer meiner liebsten ausländischen Independent-Verlage ist die irische Tramp Press, die z.B. mein Lieblingsbuch 2020 veröffentlicht haben. Dort ist kürzlich ein neues Buch erschienen, das mich zunächst vor allem wegen seines Titels und Coverdesigns angesprochen hatte:

Beides, also der Titel und das Cover von Sophie Whites Essaysammlung Corpsing. My Body & Other Horror Shows, erinnerten mich nämlich stark an zwei andere Bücher, die mir sehr viel bedeuten, beide verfasst von Carmen Maria Machado. Der Titel von Whites Buch knüpft klar an Machados literarisches Debüt, den Kurzgeschichtenband Her Body and Other Parties (Ihr Körper und andere Teilhaber, Ü: Anna-Nina Kroll), an und das Cover von Corpsing hat dann doch auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Cover von Machados absolut beeindruckendem Memoir In the Dream House (Das Archiv der Träume, Ü: Anna-Nina Kroll; erscheint im Oktober auf Deutsch, unbedingt vormerken!):

In Sophie Whites Essays geht es um Verlust und Trauer, um psychische und umSuchterkrankungen, um schwangere Körper und Blutgier, über suizidale Gedanken und die beiläufige Grausamkeit des Lebens. Für sich genommen und einzeln betrachtet fand ich die Essays in diesem Buch größtenteils faszinierend und ziemlich gelungen, nur als Gesamtwerk betrachtet lässt der Band in meinen Augen etwas zu wünschen übrig. So weit ich es verstanden habe, sind die einzelnen Texte nicht etwa schon vorher vereinzelt in verschiedenen Medien erschienen und hier nur gesammelt worden, sondern wurden tatsächlich extra für diesen Band konzipiert und verfasst, und dafür waren mir mehrere der Texte und Themen ehrlich gesagt ein wenig zu redundant und hätten womöglich noch ein strengeres Lektorat bzw. ein oder zwei zusätzliche Überarbeitungsschleifen vertragen. Trotzdem bin ich froh, das Buch gelesen zu haben, und vor allem Whites Texte über ihre Psychosen und ihre Alkoholsucht fand ich sehr bewegend. (Zum Thema Psychosen und allgemein psychischen Erkrankungen möchte ich an dieseer Stelle einen weiteren sehr guten Essayband nicht unerwähnt lassen, nämlich Esmé Weijun Wangs Collected Schizophrenias.)

Kurz nach Corpsing habe ich noch ein weiteres frisch erschienenes Buch gelesen, das vom Verlag als Essaysammlung bezeichnet wird, auch wenn sich darüber meienr Meinung nach streiten lässt. Gina Nutts Night Rooms besteht weniger aus kohärenten, in sich geschlossenen Essays zu einzelnen Themen, sondern ist vielmehr eine Sammlung von autobiographischen Fragmenten, zwischen die immer wieder Plotfragmente von mal mehr und mal weniger bekannten Horrorfilmen eingestreut sind. So ergibt sich ein unonventionell erzähltes und dadurch umso faszinierenderes Personal Memoir über Angststörungen und Depression, Suizid, Körperwahrnehmung und Identität und über Trauer, das mich persönlich irgendwie etwas mehr "abgeholt" hat als das Buch von Sophie White.


Eine Twitterfreundin hat mir vor ein paar Wochen ein Päckchen mit einigen tollen antiquarischen Ausgaben der in den 70er und 80er Jahren in der DDR erschienenen "Edition Neue Texte" des Aufbau Verlags geschickt. Darunter befand sich auch ein Lyrikband der westdeutschen Autorin und promovierten Islamwissenschaftlerin Gisela Kraft, nämlich Katze und Derwisch aus dem Jahr 1985.

Ich hatte tatsächlich noch nie zuvor von Gisela Kraft gehört, aber nach nur wenigen Seiten in dem Gedichtband war ich absolut hin und weg und wusste sofort, dass ich mich dringend noch weiter mit ihrem Leben und Werk befassen muss.

Deshalb besorgte ich mir zunächst Krafts nach ihrem Tod 2010 posthum erschienene Autobiographie Mein Land, ein anderes: deutsch-deutsche Erinnerungen, die sich vor allem mit einer ungewöhnlichen Lebensentscheidung befasst, die Gisela Kraft Anfang der 80er Jahre traf: 1984 verließ Gisela Kraft aus freien Stücken ihr westberliner Leben und zog 7km weiter in eine Plattenbauwohnung in Friedrichshain, um kurze Zeit später in die DDR eingebürgert zu werden. Zum Teil lag diese Entscheidung in ihrer Leidenschaft für das Leben und Werk des frühromantischen Philosophen und Dichters Novalis begründet, denn über ihn plante sie ein großes Romanprojekt: "Ich konnte nur in der DDR so über Novalis schreiben, wie ich das gern wollte. Ich wollte aus der Landschaft heraus sein Leben rekonstruieren. Doch er hatte nur in Mitteldeutschland gelebt und deswegen musste ich dort sein und seine Orte besuchen und dort eintauchen, mehr als das ein ausländischer Besucher gekonnt hätte." Und tatsächlich erschien 1990 mit Prolog zu Novalis der erste Teil ihrer Novalis-Romantrilogie, 1998 folgte Madonnensuite und 2006 schloss sie das Projekt mit dem Roman Planet Novalis ab. Alle drei Bücher fanden leider nur wenig öffentliche Beachtung und wurden nie neu aufgelegt. (Einen wesentlich bekannteren Novalis-Roman hat übrigens die englische Schriftstellerin Penelope Fitzgerald verfasst und damit 1997 den National Book Critics Circle Award gewonnen.)

Der zweite Grund für Krafts Übersiedelung in die DDR hatte ebenfalls mit ihrem schriftstellerischen Schaffen zu tun, allerdings weniger mit der kreativen als vielmehr mit der materiellen Seite: "In der DDR konnte ich zum ersten Mal freischaffend sein. Ich konnte einfach vom Schreiben leben und sogar kleine Reisen machen und ins Theater gehen. Für das, was ich brauchte, war gesorgt: Ich konnte fleißig sein und musste mich nicht jeden Tag sorgen: Kann ich nächsten Monat die Miete bezahlen?" Auch wenn Gisela Kraft also gute Gründe für ihren Umzug in die DDR hatte, wurde ihr diese Entscheidung Zeit ihres Lebens von anderen Menschen zum Vorwurf gemacht. Ihre Autobiographie kann als ausführliche Antwort auf diese Kritik gelesen werden:

Zugegeben, wenn Anzahl, Schwere und Benennbarkeit der im Namen eines Staatsgebietes begangenen Missetaten ein Kriterium wären, dort zu siedeln oder fernzubleiben, hätte ich wohl im Alten Westen ausharren sollen. Wenn - ja, wenn nicht diese Art Logik (meiner Tadler) zu einem sträflichen Fehlschluss führte. Denn Deutschland haben wir hüben wie drüben. Ganz-Deutschland, dessen Sündenberg den seiner Teile weit übersteigt, das den Nationalsozialismus auf dem Gewissen hat, dem schließlich noch die DDR "passiert ist" - wie kann einer es sich auf seinem Boden, drüben oder hüben, je wohl sein lassen? […] Meine Tadler, Manichäer von heute, verübeln mir die Aufenthaltsnahme im "Unrechtsstaat" DDR. Zu diesem Schlusse gelangt, hören sie auf zu denken. Sie müssten mir folgerichtig den Selbstmord befehlen. Respektive ihn selber begehen. Denn die Welt ist ein Sündenbabel - es gibt nur Gradunterschiede. (Gisela Kraft, Mein Land, ein anderes, S. 88ff.)

Mein Land, ein anderes ist aber nicht nur eine persönliche Rechtfertigung, sondern gibt außerdem noch faszinierende Einblicke in die Kulturszene während des letzten Jahrzehnts der DDR. Wie bei einem posthum veröffentlichten und also nicht mehr endgültig überarbeiteten zu erwarten, ist das Buchnicht perfekt, es hat mich aber zu großen Teilen trotzdem sehr berührt und mir Lust auf mehr Texte von Gisela Kraft gemacht. Und als ich mir kürzlich weitere Bücher der Autorin antiquarisch bestellte, erlebte ich gleich noch eine freudige Überraschung:

Wenn das mal kein Wink des Schicksals ist!


Vor ein paar Tagen habe ich einen großartigen Roman fertig gelesen, den ich dem Genre (Australian) Gothic zuordnen würde. Leider scheint The Well (Der Mann im Brunnen, Ü: Franz Schrapfeneder) der australischen Autorin Elizabeth Jolley sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch momentan vergriffen zu sein, aber antiquarisch lässt sich vermutlich noch rankommen.

The Well handelt von Hester Harper, einer alleinstehenden älteren Frau, die seit Kindertagen nicht nur mit einem gelähmten Bein, sondern auch mit ihren unerforschten Gefühlen für ihre ehemalige Gouvernante Fräulein Herzfeld zu kämpfen hat. Hester, die nie viel von der Welt gesehen hat, lebt seit vielen Jahren zusammen mit ihrem Vater, einem reichen Grundbesitzer, auf einer isolierten Farm im australischen Outback. Eines Tages entschließt sie sich, Katherine, ein 16jähriges Waisenmädchen, bei sich aufzunehmen, und zwischen den beiden entsteht schnell eine sehr enge, geradezu koabhängige und von Hesters Seite aus eindeutig obsessive Beziehung. Nach dem Tod von Hesters Vater verkauft sie die Farm und zieht mit Kathy in ein Cottage auf einem abgelegenen Stück Land. Die beiden Frauen vertreiben sich ihre Zeit mit Tanzen, Näharbeiten, gutem Essen und elaborierten Tagträumen über den Troll und die Prinzessin, die in ihrer Vorstellung in dem tiefen, ausgetrockneten Brunnen am Rande ihres Grundstücks hausen. Doch Kathy wird langsam erwachsen und droht dem Einfluss ihrer reichen Gönnerin zu entfliehen. Als Kathy eines Nachts auf der steinigen Straße, die zum Cottage führt, jemanden mit dem Truck anfährt und Hester die Leiche kurzerhand in den Brunnen verfrachtet, droht die Situation vollends zu entgleisen…

Seit ich das Buch Sonntag Nacht begeistert fertiggelesen habe, denke ich darüber nach, welche anderen Bücher für mich eine ähnliche Stimmung transportieren, deshalb folgt hier eine kleine persönliche Empfehlungliste zu modernen "Gothic Novels" und Schauerromanen:

An allererster Stelle muss ich hier natürlich DIE australische Gothic Novel schlechthin erwähnen, nämlich Joan Lindsays Picnic at Hanging Rock (Picknick am Valentinstag, Ü: Werner Wolf, leider vergriffen). Darin geht es um drei Schülerinnen eines australischen Mädcheninternats, die während eines Ausflugs zum Hanging Rock am Valentinstag im Jahr 1900 gemeinsam mit ihrer Lehrerin spurlos und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Auch wenn die Ereignisse des Romans reine Erfindung sind, ist das Buch wie ein Tatsachenbericht aufgebaut, inklusive eines pseudohistorischen Prologs und Epilogs, und Spekulationen über das Schicksal der verschwundenen Schülerinnen haben die australische lesende Öffentlichkeit jahrzehntelang beschäftigt. Und auch ich denke auch Jahre nach meiner Lektüre des Romans immer wieder darüber nach.

Die unbestrittene Queen of Horror und generell eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen ist Shirley Jackson und mein liebstes Buch von ihr ist ihr letzter Roman We have always lived in the castle (Wir haben schon immer im Schloss gelebt, Ü: Eva Brunner). Darin geht es um die 18jährige Merricat Blackwood, die seit einem tragischen Vorfall, der sich sechs Jahre vor Beginn des Romans ereignete und bei dem die meisten ihrer Familienmitglieder an einer Arsenvergiftung starben, zusammen mit ihrer älteren Schwester Constance und ihrem Onkel sehr zurückgezogen auf einem Anwesen in Vermont lebt. Bis plötzlich Cousin Charles auf der Matte steht und Merricat das friedliche Leben, das sie und ihre Schwester zusammen führen, bedroht sieht…

Ein (hierzulande zumindest) eher unbekannter Vertreter der Gothic Novels ist Barbara Comyns’ ursprünglich 1959 erschienener Roman The Vet’s Daughter (Die Tochter, Ü: Dr. Claudia Wenner), der vor zwei Jahren im Marix Verlag neu aufgelegt wurde und unbedingt ein breiteres Lesepublikum verdient. Es geht darin um Alice, die im edwardianischen England als Tochter eines groben und unterdrückerischen Vaters, einem Tierarzt, aufwächst. Als nach dem Tod von Alices kränklicher Mutter die junge neue Freundin des Vaters im Haus der Familie einzieht und der Missbrauch, den sie zuhause erleidet, immer schlimmer wird, entdeckt Alice plötzlich, dass sie eine ungewöhnliche okkulte Fähigkeit besitzt…

Daphne Du Maurier war eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Gothic Novels, am bekanntesten ist ihr (von Hitchcock verfilmter) Roman Rebecca. Ich möchte euch an dieser Stelle aber ihren hierzulande nicht ganz so bekannten Roman My Cousin Rachel (Meine Cousine Rachel, Ü: Christel Dormagen und Brigitte Heinrich) ans Herz legen, denn dieses Buch enthält alles, was ein Gothic-Aficionad@-Herz begehrt: einen unzuverlässigen Erzähler, ein düsteres Herrenhaus, einen mysteriösen Todesfall, Kritik am Patriarchat etc. etc.

Angela Carter ist vielen von euch vielleicht durch ihre feministischen Adaptionen klassischer (Grimmscher) Märchen bekannt, die in dem Band The Bloody Chamber erschienen sind. Bereits Carters zweiter Roman The Magic Toyshop (Das Haus des Puppenmachers, Ü: Joachim Kalka; leider vergriffen) von 1967 ist aber auch ein sehr guter und ungewöhnlicher Coming-of-Age-Roman mit eindeutigen Gothic-Elementen, die von verschlissenen Brautkleidern und exzentrischen Waisenkindern über inzestuöse Liebe bis hin zu unglaublich gruseligen lebensgroßen, den menschlichen Hauptfiguren nachgebildeten Marionetten reichen.

Den wohl wichtigsten amerikanischen Gothic-Roman hat meiner Meinung nach Nobelpreisträgerin Toni Morrison geschrieben. Beloved (Menschenkind, Ü: Helga Pfetsch und Thomas Piltz) handelt von Sethe, einer Schwarzen Frau, die auf der Flucht vor der Sklaverei unvorstellbares Leid ertrug, ihren Mann verlor und ihre kleine Tochter begraben musste. Seit vielen Jahren nun lebt sie mit ihrer inzwischen erwachsenen zweiten Tochter im Haus Nummer 124 in der Bluestone Road in Cincinatti, Ohio, und versucht, die Vergangenheit zu verdrängen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn das Haus Nummer 124 wird vom Geist von Sethes namenloser Tochter heimgesucht…

Neben diesen Klassikern des Modern Gothic Genres habe ich auch noch ein paar sehr lesenswerte Neuerscheinungen aus den letzten Jahren für euch parat:

Ich warte seit gut einem Jahr darauf, euch endlich die deutsche Übersetzung von Sarah Moss’ Kurzroman Ghost Wall (Geisterwand, Ü: Nicole Seifert) empfehlen zu können, die eigentlich letztes Jahr schon erscheinen sollte, aber infolge der Corona-Pandemie dann auf dieses jahr verschoben wurde. Im Mai erscheint sie dann endlich, ich kann aber nicht länger an mich halten und muss sie euch jetzt schon ans Herz legen. Bestellt sie euch doch einfach schonmal vor! Dieser grandiose, knappe, feministische und hochspannende Roman hat mich beim Lesen wirklich fast das Luftholen vergessen lassen! Er handelt von Silvie, deren dominanter Vater, ein Busfahrer, sich leidenschaftlich gern mit britischer Frühgeschichte befasst und deshalb seine Familie zwingt, die Ferien in Northumberland zu verbringen und dort an dem experimentellen Projekt eines Archäologieprofessors und einigen von dessen Studierenden teilzunehmen: die Gruppe will einige Wochen lang so leben, als befänden sie sich in der Eisenzeit. Trotz des beschwerlichen Alltags in dem Camp eröffnet sich für Silvie vor allem im Umgang mit den Studierenden eine völlig neue Perspektive auf ein eigenständiges Leben vom strengen Blick ihres Vaters. Aber die Dynamiken innerhalb der Gruppe drohen zu kippen und aus dem leichtfertigen archäologischen Experiment könnte schnell tödlicher Ernst werden…

Eines meiner liebsten Berlinbücher und außerdem ein großartiger und unglaublich spannender moderner Schauerroman ist André Mumots Geisternächte, in dem die gescheiterte Schauspielerin Kathi sich mit fingierten spiritistischen Sitzungen mehr schlecht als recht über Wasser hält. Eines Tages steht ein 10jähriges Mädchen vor ihrer Tür und verlangt von Kathi, mit ihrem ermordeten Bruder in Kontakt zu treten, und so wird aus dem Schauspiel schnell bitterer Ernst, in den nicht nur (vermeintliche) Ritualmorde sondern auch eine Verschwörung rund um einen gefeierten Naziintellektuellen verwickelt zu sein scheinen…

In Susanne Röckels Roman Der Vogelgott entdeckt ein Ornithologe auf einer Forschungsreise einen eigenartigen, ihm bisher völlig unbekannten großen Vogel, der von der einheimischen Bevölkerung als Gott verehrt wird. Jahrzehnte später geraten seine drei inzwischen erwachsenen Kinder auf jeweils ganz unterschiedliche Weise in den Sog dieses schwer durchschaubaren Vogelmythos’: Der jüngste Sohn, Thedor, reist mit einer zwielichtigen Hilfsorganisation in das Land der Aza, wo der Vogelgott einst erstmalig verehrt wurde – und verbringt nach seiner Rückkehr sein Leben im Krankenzimmer einer psychiatrischen Einrichtung. Dora, die an ihrer kunsthistorischen Dissertation arbeitet, entdeckt auf einem alten Gemälde Hinweise darauf, dass der Kult um den geheimnisvollen Vogelgott zu Zeiten des dreißigjährigen Krieges auch hierzulande seine Anhänger hatte. Und Lorenz, der gescheiterte Journalist, kommt einer pharmazeutischen Verschwörung auf die Spur, der vor allem Kinder zum Opfer zu fallen scheinen... Susanne Röckels beklemmender Roman las sich für mch sich bisweilen wie eine Art Fiebertraum, entwickelte aber schnell einen unglaublichen Sog, der mich atemlos, fasziniert und zugleich verstört zurückgelassen hat.

Jesmyn Wards vielfach ausgezeichneter Roman Sing, Unburied, Sing (Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt, Ü: Ulrike Becker) schließlich lässt sich dem Genre des Southern Gothic zuordnen. Es geht um den dreizehnjährigen Jojo und seine kleine Schwester, die bei ihren Großeltern an der Golfküste von Mississippi leben. Ihre drogenabhängige Mutter Leonie schenkt den beiden wenig Aufmerksamkeit, ihr Vater Michael sitzt wegen Drogenhandels im Gefängnis und ihre Großmutter Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt. Also ist es die Aufgabe des stillen und verlässlichen Großvaters Pop, den Haushalt aufrecht zu erhalten und die beiden Kinder großzuziehen. Als Michael aus der Haft entlassen werden soll, packt Leonie ihre beiden Kinder jedoch kurzerhand ins Auto und macht sich gemeinsam mit ihnen und einer Freundin auf den Weg, um ihn abzuholen. Aber sie sind nicht allein auf ihrer Reise zur ältesten Haftanstalt Mississippis, denn die (wortwörtlichen) Geister der Vergangenheit finden auf diesem von Gewalt und Trauma geprägten Landstrich nicht zur Ruhe…


Und damit wären wir nun am Ende der heutigen Ausgabe. Über Feedback, Wünsche, Vorschläge und Anregungen jeder Art freue ich mich immer. Auch Fragen nach individuellen Buchempfehlungen könnt ihr mir weiterhin gerne stellen, die werde ich dann jeweils (nach Lust und Energie) in einem der nächsten Newsletter gesammelt (anonymisiert) beantworten, damit alle etwas davon haben.

Den nächsten Newsletter werde ich wieder an einem Mittwoch verschicken, vielleicht schon nächste Woche, vielleicht auch erst in drei. Bis dahin findet ihr mich auf Twitter.

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Bis zum nächsten Mal, frohes Lesen,

eure Magda