Cranford, Carmilla und the Curious Case of the Two Celias
und warum Bücherlesen nach wie vor ein riesiges Schneeballsystem ist
Ihr Lieben,
in den letzten Wochen ist hier ein ganzer Schwall an neuen Abonnent*innen hinzugekommen, ich weiß gar nicht so genau wo ihr alle so plötzlich herkommt, aber auf jeden Fall herzlich willkommen! Schön, dass ihr mir auf meinen verschlungenen Lektürepfaden folgen wollt. Fangen wir doch direkt an!
(Kleiner Hinweis: In einem der heutigen Themenblöcke geht es u.a. um sexuellen Missbrauch und Pädophilie, ich habe ihm eine entsprechende Content Note vorangestellt, so dass ihr ihn ganz einfach überspringen könnt, wenn es nötig ist.)
Ich weiß nicht, wie ihr das empfunden habt, aber für mich fühlte sich der Januar beinahe endlos, düster und grau an, voller schlimmer Nachrichten und beängstigender (welt)politischer Entwicklungen. Einer der größten Lichtblicke zwischen all dem Doomscrolling war für mich die Relektüre eines englischen Literaturklassikers, den ich zuletzt vor bestimmt 15 Jahren gelesen hatte und der eines der "most wholesome" Bücher ist, das ich kenne. Die Rede ist von Elizabeth Gaskells Episodenroman Cranford (dt. Ausgabe übersetzt von Hedwig Jahn) aus dem Jahr 1853. Darin berichtet die Erzählfigur Mary Smith, eine junge Frau aus Manchester (das im Roman aber als "Drumble" fiktionalisiert wurde), in lose zusammenhängenden Kapiteln von den (größtenteils weiblichen) Bewohner*innen und Bräuchen der fiktiven ländlichen Kleinstadt Cranford, in der sie in unregelmäßigen Abständen als Gast der beiden alternden Jenkyns-Schwestern zu Besuch ist. Die Misses Deborah und Mathilda Jenkyns gehören zu einer ganzen Reihe von "Amazonen", die das soziale Leben in Cranford bestimmen: alleinstehende oder verwitwete Frauen aus ursprünglich gehobenen Gesellschaftsschichten, die mangels Ehemännern, sonstiger lebender männlicher Verwandter oder eines eigenen, unabhängigen Einkommens inzwischen größtenteils in "vornehmer Armut" leben — eine Tatsache, die sie durch allerlei Tricks und Sparsamkeiten voreinander zu überspielen versuchen. Das Buch hat keinen richtigen Plot und keine eindeutige Hauptfigur, sondern springt von einer liebenswerten oder amüsanten Episode zur nächsten und begleitet dabei sein Personal beim Versuch, sich mit dem gesellschaftlichen Wandel und vor allem dem Abbau von strengen Klassengrenzen im ländlichen England der Mitte des 19. Jahrhunderts zu arrangieren. So fern und fremd die beschriebene Gesellschaft aus heutiger, deutscher, großstädtischer Leser*innenperspektive auch erscheint, war ich beim Lesen doch immer wieder überrascht von den vielen unglaublich lustigen, auch heute noch relatable Passagen wie der folgenden:
"Small pieces of butter grieve others. They cannot attend to conversation because of the annoyance occasioned by the habit which some people have of invariably taking more butter than they want. Have you not seen the anxious look (almost mesmeric) which such persons fix on the article? They would feel it a relief if they might bury it out of their sight by popping it into their own mouths and swallowing it down; and they are really made happy if the person on whose plate it lies unused suddenly breaks off a piece of toast (which he does not want at all) and eats up his butter. They think that this is not waste."
Heimliche Heldin des Buches ist für mich Miss Matty Jenkins, die neben Arthur Less aus Andrew Sean Greers mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman Less (dt. Mister Weniger, Ü: Tobias Schnettler) und Leonard und (Hungry) Paul aus Rónán Hessions gleichnamigem Roman für mich zu den liebenswertesten fiktionalen Figuren zählt, denen ich je begegnet bin. Meine Lieblingsszene mit ihr ist, als sie beschreibt, dass sie jeden Abend vor dem Schlafengehen einen kleinen Gummiball unter ihrem Bett durchrollt, um sicherzugehen, dass sich auch ja kein Einbrecher dort versteckt hat. Und wie die ganze Cranforder Gemeinschaft sich zusammentut, um Miss Matty zu unterstützen, als sie ohne eigenes Verschulden all ihr erspartes verliert, hat mich bei dieser Relektüre zu Tränen gerührt. Positive literarische Darstellungen von Gemeinschaft und Solidarität sind gerade in diesen bedrohlichen Zeiten einfach unglaublich tröstend für mich.
(Etwas düsterer/ernster als Cranford, aber ebenfalls sehr zu empfehlen, v.a. wenn ihr z.B. Jane Austen oder die Brontës mögt, sind übrigens auch Gaskells andere Romane North and South, Mary Barton und Wives & Daughters!)
Falls ihr gerade weitere aufmunternde Bücher mit einem gewissen Nostalgiefaktor vertragen könnt, möchte ich euch an dieser Stelle übrigens auch die beiden neuesten Bände unserer rororo Entdeckungen dringend ans Herz legen.
Mit Ein Nachmittag im Mai (orig. One Afternoon, 1975, Ü: Sabine Längsfeld) ist Ende Januar zum ersten Mal ein Werk der walisischen Autorin Siân James auf Deutsch erschienen. Es beginnt mit einem überraschenden Kuss, der das Leben von Anna, Mitte dreißig, verwitwet und Mutter dreier Töchter, im Wales der 60er Jahre ziemlich durcheinanderbringt. Als sie sich — zum ersten Mal in ihrem Leben — so richtig verliebt, beginnt Anna, sich Fragen über ihr bisheriges Leben und ihre Ehe zu stellen. Ein Nachmittag im Mai erzählt klug und unterhaltsam davon, was es bedeutet, in den 1960er- und 1970er-Jahren Frau zu sein, alleinerziehende Mutter noch dazu, welchen Wert weibliche Solidarität hat, wie herausfordernd es ist, Töchtern ein Vorbild zu sein – und von der großen Aufgabe der Selbstliebe.
Und der neueste — und inzwischen bereits zehnte — Band der Reihe liegt auch schon seit ein paar Tagen in den Buchhandlungen! Sigrid Boos Roman Dienstmädchen für ein Jahr ist im norwegischen Original bereits in den 30er Jahren erschienen. Pünktlich zum norwegischen Gastlandauftritt auf der Leipziger Buchmesse nächsten Monat ist er nun im Rahmen der rororo Entdeckungen in einer neuen Übersetzung von Gabriele Haefs zum ersten Mal seit ca. 70 Jahren auch auf Deutsch wieder erhältlich. Eben noch diskutierte Helga, das Abitur frisch in der Tasche, mit ihren Freundinnen und Freunden im Café darüber, ob Frauen richtig anpacken können. Und im nächsten Moment schlägt die lebenslustige Tochter aus gutem Hause dem jungen Mann, den sie gern heiraten würde, eine Wette vor: Schafft sie es, ein Jahr als Dienstmädchen durchzuhalten, muss Jørgen ihr einen Ring schenken. Dabei hat sie selbst nie einen Finger gerührt. Als sie anonym auf einem Landgut in Dienst tritt, muss sie sich immer wieder neu beweisen. Wo sie früher bei Festen als Gast am gedeckten Tisch saß, muss sie nun bedienen und tagein, tagaus waschen, putzen, kochen. Als jemand Helga erkennt, erfahren alle in Küche und Hof, dass sich die junge Frau als eine andere ausgegeben hat, auch Chauffeur Hans, mit dem sie mehr als gut auskommt. Dabei beginnt Helga durch ihre neuen Freundinnen und Freunde gerade erst zu verstehen, was im Leben wirklich zählt. Ein Muss u.a. für Fans von Downton Abbey!
In der allerersten Ausgabe dieses Newsletters vor fast genau 4 Jahren (hab mal wieder mein eigenes Jubiläum verpasst!) schrieb ich damals, dass Bücher ein großes Pyramid Scheme seien, weil fast jedes Buch, das ich lese, unweigerlich zu drei weiteren Büchern auf meiner Leseliste führt. Diese Beobachtung möchte ich nun nochmal aufgreifen, weil ein einfacher Kinobesuch Anfang Januar dazu geführt hat, dass in den letzten Wochen mindestens acht Bücher auf meinem akuten Lesestapel gelandet sind.
Alles fing damit an, dass ich den neuen Nosferatu-Film von Robert Eggers im Kino angeguckt habe. Vor allem visuell fand ich den Film sehr beeindruckend, hatte aber einige Probleme mit dem Plot, die wiederum das Bedürfnis in mir geweckt haben, Bram Stokers Dracula zum ersten Mal seit ca. 15 Jahren wiederzulesen. Weil ich ca. 2012 meine Ausgabe an den damaligen Freund meiner damaligen Mitbewohnerin verliehen und nie zurückbekommen habe, musste ich mir eine neue Ausgabe besorgen und weil ich deshalb eh schon bei Genialokal (wo ich regelmäßig Bücher zur Abholung in meine Stammbuchhandlung bestelle) zugange war, habe ich mir gleich Sheridan Le Fanus queere Vampir-Novelle Carmilla dazubestellt, weil ich wusste, dass das seinerzeit eine der Inspirationsquellen für Stokers Roman war und ich sie eh schon lange mal lesen wollte. Als die Bücher ankamen, las ich erstmal das Vorwort zu Carmilla und darin wurde in einer Fußnote das Theaterstück Krankheit oder moderne Frauen von Elfriede Jelinek erwähnt, bei dem es sich anscheinend um eine vage Adaption von Carmilla handelt. Da ich zu meiner großen Schande noch nie etwas von Jelinek gelesen hatte, besorgte ich mir also den Band, in dem dieses Stück enthalten ist. Da dieser aber insgesamt vier Stücke enthält, das Carmilla-Stück an letzter Stelle steht und ich in dieser Hinsicht ein wenig zwanghaft bin, fing ich mit dem ersten Stück des Bandes an, nämlich Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften. Das wiederum bezieht sich auf Henrik Ibsens berühmtes Drama Nora oder ein Puppenheim, das ich zwar vor vielen Jahren schonmal gelesen habe, an dessen Inhalt ich mich aber nur vage erinnere. Ihr ahnt es bestimmt: ich habe mir dann also das Ibsen-Stück von Project Gutenberg auf meinen eReader heruntergeladen. Das zweite Stück in dem Jelinek-Band ist Clara S. Musikalische Tragödie, in dem Clara Schumann die Hauptrolle übernimmt. An deren Lebens- und Wirkensgeschichte erinnere ich mich ganz ganz vage aus dem Musikunterricht am Gymnasium, verspüre nun aber — was für eine Überraschung! — einen großen Drang, mehr über sie zu erfahren und eine Biografie über sie zu lesen. Dann ist mir wieder eingefallen, dass u.a. von Janice Galloway, von der ich schon lange mal was lesen wollte, ein Roman über Clara Schumann existiert, ihr könnt euch also denken, was sich derzeit in meinem Warenkorb befindet…
Um zurück zu Carmilla zu kommen: obwohl es sich bei der Novelle um einen der Urtexte des "Lesbian Vampire Tropes" handelt, hat sie mich ziemlich unbefriedigt zurückgelassen, was u.a. mit dem ziemlich absurden und eher schlecht ausbalancierten Plot zu tun hat. Wie es der Zufall so will, habe ich aber zwei andere vielversprechende queere Vampirromane ungelesen in meinem Regal stehen, die nun von dort nach weit oben auf meinen Lesestapel gewandert sind (wir wissen allerdings alle, dass sich die Zusammensetzung dieses Stapels quasi täglich ändert): Jewelle Gomez’ 90er-Jahre Kultklassiker The Gilda Stories über 200 Jahre im "Leben" einer Schwarzen lesbischen Vampirin und der kürzlich in englischer Übersetzung erschienene Roman Thirst der argentinischen Autorin Marina Yuszczuk (Ü: Heather Cleary), der in Buenos Aires spielt. Außerdem ist mit Kat Dunnes Hungerstone gerade eine feministische Nacherzählung von Carmilla erschienen, die ich mir sicher auch bald noch besorgen werde.
Und dann ist mir drei Tage, nachdem ich die obigen Absätze geschrieben hatte, ganz plötzlich eingefallen, dass ich mir vor Jahren mal spontan antiquarisch eine Anthologie mit "Vampirgeschichten von Frauen" gekauft und dann nie gelesen hatte, die unter dem Titel Blaß sei mein Gesicht (hrsg. von Barbara Neuwirth) ursprünglich 1988 im Wiener Frauenverlag und dann 1990 in einer Lizenzausgabe in der Phantastischen Bibliothek des Suhrkamp Verlags erschienen ist (letztere ist die Ausgabe, die ich besitze). Die Anthologie ist leider schon lange vergriffen, aber online kann man noch recht viele günstige gebrauchte Exemplare finden. Insgesamt 24 deutschsprachige Autorinnen haben Erzählungen für den Band beigesteuert, deren Namen mir in den allermeisten Fällen leider überhaupt nichts sagen — umso motivierter bin ich nun, das Buch über drei Jahre, nachdem ich es mir gekauft habe, endlich auch mal zu lesen. Ich hatte mir ja eh vorgenommen, in meinem Lektürejahr 2025 insgesamt Kurzgeschichten wieder viel mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es im letzten Jahr vor allem juryarbeitsbedingt der Fall war. Und ich ahne schon, dass ich durch die Vampirgeschichten wieder einen Haufen neuer alter Autorinnen kennenlernen werde, über die ich dann dringend mehr erfahren muss. Die Buchpyramide wächst also unaufhaltsam weiter.
Um von diesen ganzen Leselistenauswüchsen wieder full circle zu Nosferatu zurückzukommen: am Montag habe ich, weil mich die ganze Thematik irgendwie nicht loslässt, zum ersten Mal den originalen Film von Murnau aus dem Jahr 1922 gesehen — und zwar stilecht mit Live-Orchester-Begleitung im Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Dieser zweite Kinobesuch hat bisher keine zusätzlichen Lektürevorhaben nach sich gezogen, aber wir wissen alle, dass eine neue literarische Obsession mit großer Wahrscheinlichkeit schon hinter der nächsten Ecke auf mich lauert!
(CN: sexueller Missbrauch, Inzest, Pädophilie für den folgenden Themenblock; falls euch diese Themen triggern, könnt ihr einfach erst nach dem nächsten Bild wieder einsetzen.)
Diejenigen von euch, die schon seit ihrer Kindheit passionierte Leser*innen sind, kennen es vielleicht: dieses eine Buch, dass man in jungen Jahren "viel zu früh" gelesen und dass die eigene weitere Lesebiografie dennoch oder vielleicht gerade deshalb nachhaltig geprägt hat. Bei mir war es eine Ausgabe von Marion Zimmer Bradleys Die Nebel von Avalon, das ich ca. 11jährig spontan aus dem Regal meiner Eltern zog und für die nächsten zwei Jahre zu einem Teil meiner Persönlichkeit machte. Bevor Madeline Miller und Co. das Genre der feministischen Nacherzählung mythologischer Stoffe und Sagen neu belebten, gab es MZB, die in den 80er Jahren die Artussage auf über 800 Seiten aus der Sicht von Morgaine Le Fay, König Artus’ "böser" Halbschwester neu erzählte und damit einen feministischen Kultklassiker schuf. Auch für mein präpubertäres Ich wurde Morgaine, die Priesterin der mythischen Insel Avalon, rund 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen des Romans zur wichtigen Identifikationsfigur, regelmäßig malte ich mir mit blauem Kajal einen Halbmond auf die Stirn oder betete auf Übernachtungsparties in der Walpurgisnacht zusammen mit meinen Freundinnen draußen im Garten die Mondgöttin an. Im Laufe meines Teenagerlebens las ich das Buch noch mehrere Male, das letzte Mal mit ca. 18 Jahren, doch dann, vor etwas über 10 Jahren, passierte etwas, das meinen Blick auf dieses für mich so prägende Buch für immer veränderte. MZB, die Jahrzehntelang als absolute Ikone der Fantasy- und SciFi-Literatur galt, war bereits 1999 verstorben, aber erst 15 Jahre später, im Juni 2014, ging ihre Tochter Moira Greyland mit Anschuldigungen an die Öffentlichkeit, die nicht nur mich, sondern auch die gesamte internationale SciFi- und Fantasycommunity schwer erschütterten. MZB hatte anscheinend nicht nur den sexuellen Missbrauch, den ihr Ehemann Walter Breen jahrelang an zahlreichen Jungen verübt hatte, wissentlich geduldet, gedeckt und entschuldigt (Breen wurde dafür 1991 verurteilt und starb später im Gefängnis), sondern auch selbst ihre Tochter körperlich missbraucht.
Die Frage, wie man als Leser*in nach entsprechenden Enthüllungen mit den Werken von z.B. Gewalttäter*innen umgehen will/sollte/kann, ist eine komplexe und v.a. äußerts individuelle Angelegenheit, ich selbst kann sie für mich bisher auf keinen Fall absolut und allgemeingültig für den Rest meines Leselebens beantworten. Mein Umgang mit dieser leider ständig wiederkehrenden Thematik (Anne Sexton, Cormac McCarthy, Alice Munro, etc.) ist alles andere als konsequent, im Falle von MZB haben die Enthüllungen ihrer Tochter vor einem Jahrzehnt aber tatsächlich dazu geführt, dass allein der Gedanke, die Nebel von Avalon jemals wieder aufzuschlagen, mich mit großem Ekel erfüllt hat. Was u.a. daran lag, dass die Vorwürfe gegenüber MZB auch einige Elemente des Romans, über die ich in meinem präpubertären Enthusiasmus irgendwie hinweggelesen hatte, mir plötzlich in einem völlig neuen und äußerst unangenehmen Licht erschienen (In dem Roman wird u.a. ein jugendliches Geschwisterpaar von erwachsenen Autoritätsfiguren zu inzestuösem Geschlechtsverkehr miteinander gedrängt oder ein minderjähriges Mädchen im Rahmen eines magischen Fruchtbarkeitsrituals von einem "sehnigen" alten Krieger vergewaltigt).
Natürlich gab und gibt es zahlreiche andere feministische, queere, progressive Adaptionen der Artussage, die ich in den letzten zehn Jahren hätte lesen können, um diese Bilder aus den Nebeln in meinem Kopf zu überschreiben. Aber ehrlich gesagt hatten mir die Enthüllungen über MZB den ganzen Themenkomplex so gründlich verleidet, dass ich ihm stattdessen zumindest in literarischer Hinsicht lieber so gut wie komplett aus dem Weg gegangen bin. Und trotzdem war da nun eine kleine Lücke in meiner aus Büchern zusammengebauten Identität, die sich hin und wieder schmerzhaft bemerkbar machte. Aber keine Sorge — meine sehr lange Anekdote hat ein Happy End! Vor ein paar Wochen habe ich auf Instagram eine Graphic Novel gesehen, deren Titel und Zeichenstil auf dem Cover mich sofort so für sich eingenommen haben, dass ich gar nicht weiter nachgeforscht habe, worum es darin eigentlich geht. Und wow, hat mich dieser vielschichtige und wirklich schön gezeichnete Comic mit der Sagenwelt rund um König Artus und Morgan Le Fay versöhnt!
In Isabel Greenbergs Young Hag and the Witches’ Quest sind seit der Herrschaft von König Artus und den Abenteuern seiner Ritter der Tafelrunde viele Jahrzehnte vergangen. Die Magie, die in der Zeit der Drachen, magischen Schwerter und mystischen Inseln ganz Britannien durchdrang, ist schon lange aus dem Land verschwunden, die Grenze zur Anderwelt ist undurchlässig geworden. Einst als große Zauberin und Widersacherin von Artus und seinem Mentor Merlin bekannt und gefürchtet, ist Morgan le Fay inzwischen eine alte Frau geworden, die mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin — genannt Young Hag — als die letzten verbliebenen Hexen durch die Lande zieht, immer auf der Hut vor der Gefahr einer Fackeln und Mistgabeln schwingenden Meute, die sie jederzeit aus den Dörfern und Städten vertreiben könnte. Abends am Lagerfeuer erzählt sie ihrer Enkeltochter Geschichten aus der alten Zeit, doch als ein großes Unglück das Trio ereilt, kehrt Young Hag der Vorstellung von Magie und den Erzählungen ihrer Großmutter den Rücken. Als sie eines Tages im Wald auf einen Jungen treffen, der auf der Suche nach einem Zugang zur Anderwelt ist, um seine durch einen Wechselbalg ausgetauschte Schwester zurückzuholen, wird die junge Hexe jedoch erstmals mit echter Magie konfrontiert und hat keine andere Wahl mehr, als auch daran zu glauben. Sie begibt sich auf die größte Suche ihres Lebens, um die Magie nach Britannien zurückzuholen. Kann Young Hag ihre Zweifel und Ängste überwinden? Oder wird sie einfach nur eine vergessene Fußnote in der Geschichte der berühmten Könige und Zauberer werden?
Greenbergs Adaption und Weitererzählung der Artussage steckt voller literarischer Anspielungen auf englische Klassiker wie Edmund Spensers Versepos The Faerie Queene oder Christina Rossettis berühmtes Gedicht vom Goblin Market und fühlt sich dennoch total frisch und neu und feministisch und queer an. Jede noch so kleine Nebenfigur ist total liebevoll gezeichnet (literally) und ich hätte unglaublich gern noch mehr Zeit in Greenbergs Sagenwelt verbracht. Zum Glück gibt es noch mehrere weitere Graphic Novels von ihr, die nun natürlich ebenfalls auf meiner Leseliste stehen!
Es ist ein ziemlich interessanter Zufall, dass es gleich zwei englische Autorinnen gibt, die ungefähr zur gleichen Zeit lebten (1912-2011 im einen und 1914-2009 im anderen Fall), beide im selben Genre erfolgreich waren ("domestic thrillers"), beide in den 90er Jahren schonmal ins Deutsche übersetzt wurden (erschienen bei Droemer Knaur bzw. Diogenes) und dann wieder in Vergessenheit gerieten, beide gerade international und auch hierzulande ein Revival erfahren — und dann auch noch beide Celia heißen!
Und tatsächlich befriedigen die Romane von Celia Dale und Celia Fremlin bei mir ein ziemlich ähnliches Lesebedürfnis, nämlich das nach anspruchsvollen und dabei möglichst unblutigen psychologischen Spannungsromanen, in denen hinter jeder Ecke der häuslichen Sphäre ein subtiles Grauen wartet. Ein Genre, das z.B. auch Shirley Jackson ganz exzellent beherrschte. Bei aller Ähnlichkeit der Grundatmosphäre unterscheiden sich die Romane der beiden Celias aber auch in einigen Aspekten deutlich voneinander. In den zwei Romanen von Celia Dale, die ich bisher gelesen habe (A Helping Hand und A Dark Corner), ging es jeweils um vulnerable, marginalisierte Figuren, die aufgrund ihrer Hilfsbedürftigkeit in die Fänge geradezu monströser Gewalttäter*innen gelangen — und denen die Autorin am Ende selten ein Entkommen aus ihrer Situation gewährt. Bei Celia Fremlin dagegen handelten beide Romane, die ich bisher gelesen habe (Appointment with Yesterday und The Long Shadow), von eher unscheinbaren Frauen, die sich angesichts der traumatischen Lebensereignisse, aus denen der jeweilige Krimiplot sich speist, ganz neu erfinden müssen und dadurch auch zu einer neuen Form von Stärke und Selbstbewusstsein finden. Beiden Autorinnen ist allerdings ein Faible für äußerst unangenehme Ehemänner (das Spektrum reicht dabei von "chauvinistisch" bis "mörderisch") gemein. Begeistert haben mich alle vier Bücher und umso froher bin ich, dass noch vier weitere Romane der beiden Celias ungelesen in meinem Regal auf mich warten.
Auch diejenigen unter euch, die lieber auf Deutsch lesen, bekommen bald die Gelegenheit, in das Werk der beiden Celias einzutauchen:
A Helping Hand von Celia Dale erscheint im Mai unter dem Titel Nur zu ihrem Besten (Ü: Sonja Hauser) in einer Neuausgabe im Dörlemann Verlag. Ein Ehepaar mittleren Alters nimmt darin aus reiner Herzensgüte eine gebrechliche alte Dame ohne Angehörige bei sich zuhause auf und pflegt sie bis zu ihrem Tod. Oder steckt doch mehr dahinter? Während des Urlaubs, den Josh und Maisie Evans sich nach deren Beerdigung gönnen, freunden sie sich nämlich gleich wieder mit einer anderen alten Dame an, die dringend dem Zusammenleben mit einer entfernten Verwandten entfliehen möchte, und bieten ihr kurzerhand das durch das Ableben ihrer Vorgängerin frei gewordene Zimmer an. Mrs. Fingal nimmt dankend an, nicht ahnend, dass die freundliche Fassade der Evanses schon sehr bald zu bröckeln beginnen wird…
Der Dumont Verlag wiederum bringt nach Der lange Schatten (Ü: Sabine Roth), das mir Anfang Januar ein paar sehr spannende Lesestunden bereitet hat, im Juni mit Onkel Paul (Ü: Karl-Heinz Ebnet) schon die nächste Celia-Fremlin-Neuausgabe heraus. In Der lange Schatten erhält die Protagonistin zwei Monate nach dem Unfalltod ihres Ehemannes Ivor einen nächtlichen Anruf von einem nervösen jungen Mann, der behauptet, Beweise dafür zu haben, dass sie Ivor getötet habe, und sie mit diesem vermeintlichen Wissen nun zu erpressen versucht. Imogen tut den Anruf zunächst als makabren Scherz ab, doch als über die Weihnachtstage erst ihr Stiefsohn mit seiner Freundin, dann die Stieftochter samt Mann und Kindern und schließlich auch noch Igors Ex-Frau anreisen, ereignen sich im Haus immer mehr seltsame Dinge, die Imogen an ihrem Verstand zweifeln lassen…
Zum Schluss dieser Newsletterausgabe möchte ich euch noch einen anderen Substack-Newsletter ans Herz legen, der mir seit ein paar Wochen viel Freude bereitet. Meine gute Freundin Berit Glanz (deren Romane Pixeltänzer und Automaton ich euch übrigens wärmstens empfehlen kann) hat pünktlich zum Jules-Verne-Jubiläumsjahr einen Online-Lesekreis zu dessen Abenteuerroman Die Reise zum Mittelpunkt der Erde gestartet. Immer Mittwochs verschickt sie ein neues Kapitel samt ihrer eigenen Gedanken dazu per E-Mail an alle Lesekreisteilnehmenden, die sich danach in den Kommentaren auf Substack miteinander zum Gelesenen austauschen. Und weil so viele unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Expertisen und Spezialinteressen mitlesen, ist diese Kommentardiskussion wirklich jede Woche aufs neue eine unglaubliche Bereicherung, ich habe schon viel Spannendes über Gestein und Runenkunde und George Sand und Graüben (kein Typo!) und Nussknacker uvm. gelernt. Wir sind erst in Woche 5, ihr könnt also problemlos aufholen, falls ihr noch mit einsteigen wollt. Hier könnt ihr den Newsletter direkt abonnieren:
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